Erschreckend fremdartige Kulturen – oder zwei Stufen des Horrors

Ein unterirdischer Ameisenbau, der von Wissenschaftlern mit Beton ausgegossen und nach dem Erhärten des Betons freigelegt wird. Die Formen des riesenhaften Ameisenbaus sind beunruhigend organisch, wie ein gigantisches, unterirdisches Pilzgewächs.

Allerdings, was ist erschreckender: Eine absolut fremdartige Lebensform, die sich unbemerkt über viele Kubikmeter unter Äckern und Steppen eine angsteinfößende Welt aufbaut – oder eine bekannte Lebensform, die aus Neugier diese Welt mit schnellhärtendem Beton ausgiesst, um sie zu ent-decken…?

Der Film ist leider nicht gekennzeichnet, man erfährt ebenfalls nicht, ob der Bau noch bewohnt bzw. genutzt wurde; da die Kolonien aber im Prinzip unsterblich sind, gehe ich einmal davon aus. Videolink: http://www.break.com/index/giant-ant-colony-is-a-world-wonder.html

Zum selben Thema – diesmal aus der Sicht der Filmkritik und damit prinzipiell auch die narrativen Quellgebiete des Tischrollenspiels betreffend – fragt Marcus Hammerschmidt in Telepolis nach dem „neuen Feind“ im Kino, nach der dramaturgisch wirkmächtigen Grenze zwischen Gut & Böse. Nachdem Barbaren und dekadente Imperien postmodern dekonstruiert wurden, ist hier eine einfache Konstruktion nicht immer befriedigend. Was gleich bleibt: Der „Feind“ ist stets das als Fremdartige, als das Andere wahrgenommene – und das kann sowohl unter als auch in uns sein, sowohl kulturell, biologisch als auch psychisch.

Dieses Fremdartige im wahrsten Sinne des Wortes als Spielmeister/Autor zuerst unsichtbar „ins Spiel“ zu bringen und allmählich von den Spielern enthüllen zu lassen, wäre die erste Stufe des Horrors („Call of Cthulhu“).
Die zweite Stufe wäre die Wendung, dass hier tatsächlich ein Spiegel seiner nicht versteckenden sondern schützenden Hülle beraubt wurde („Kult“).

Die dritte Stufe, die meines Erachtens auch durch ihre motivationshemmende Wirkung spielkontraproduktiv wäre, wäre die Entdeckung der absoluten Austauschbarkeit von Spiegelbild und Original, Innen und Außen, Gut und Böse in einem Kontinuum willkürlicher Interpretation (das Erwachen bei „Kult“, der Ort wo Wahnsinn und Harmonie zusammenfallen).

Published in: on März 17, 2011 at 9:50 am  Schreibe einen Kommentar  
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Clive Thompson

Clive Thompson gibt ein Interview über die Unterschiede zwischen Horror im Film und Horror im Spiel. Natürlich bezieht sich das ganze mal wieder auf Computergames, aber die Argumente greifen 1:1 auch bei Tischrollenspielen. Zwei verschiedene Ansätze der Vermittlung: Abgabe der Kontrolle zu Gunsten eines ‚mehr‘ von dramaturgischer Führung (Film) und Abgabe von dramaturgischer Führung zu Gunsten eines ‚mehr‘ von Kontrolle und willfährigem Einlassen auf Gefahr (Rollenspiel). Die Mechanismen der Identifikation und Immersion sind ebenfalls spannend in ihrer Unterschiedlichkeit.

Video des Interviews auf ABC-News: http://abcnews.go.com/Video/playerIndex?id=5236883&affil=kabc

Literaturempfehlung:

Zillmann, Dolf (1996). The Psychology of Suspense in Dramatic Exposition. In: P. Vorderer, H.J. Wulff and M. Friedrichsen (Hrsg.): Suspense: Conceptualizations, theoretical analyses, and empirical explorations. Mahwah/New Jersey (USA): Lawrence Erlbaum Associates, S. p.199-p.231.

Published in: on Oktober 4, 2008 at 1:05 pm  Schreibe einen Kommentar  
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